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Sonntag, 10. Mai 2009

Escape to the 20th century - eine Woche leben wie unsere Eltern





Die Einschläge werden dichter: Killerspiele, Zensursula, Paintball-Verbot - die Generation 45+ macht ernst. Es soll all den maroden Entartungen der heutigen Jugend an den Kragen gehen, und dank fester Verankerung in Legis- Juri- und Exekutive wird dies auch schnell in Form gegossen, zumal im Wahljahr 2009.


Es gehört nicht viel dazu, hierin nicht nur einen Konflikt auf der Inhaltsebene, sondern auch auf der Beziehungsebene zu verorten: mindestens zwei Generationen haben sich entkoppelt, leben in unterschiedlichen Welten.

"Meine" iPhone/Twitter/Counterstrike Generation fühlt eine gewisse Machtlosigkeit: selbst wenn man mit "den anderen" diskutiert, hat man den Eindruck es bringt ja eh nichts, da sie einfach die neuen Medien- und Kommunikationsformen nicht einmal ausprobieren wollen.


Andererseits: auch in meinem Freundeskreis gibt es Leute die mir beim abendlichen Treffen als erstes das iPhone wegnehmen wollen. Und: sind 65.000 politisch aktivierbare Twitter-Nutzer in Deutschland überhaupt eine relevante Größe? Bewegt man sich nicht eigentlich in einer völlig artifiziellen Web 2.0 Blase, die mit den "normalen Menschen" da draussen überhaupt nichts mehr zu tun hat? Was, wenn wir nicht die Speerspitz der Avantgarde sind, nicht Early Adopters, sondern einfach nur ein kruder, bald aussterbender Nebenzweig der Kommunikations-Evolution?


Und, eines muss ich zumindest für mich klar sagen: so wie ich anderen vorwerfe das sie "das Neue" nicht ausprobieren, so wenig habe ich noch eine klare Vorstellung davon wie sich 2009 das "analoge Leben" eigentlich anfühlt.


Daher unternehmen wortkomplex und ich ein Experiment: wir kehren zurück ins letzte Jahrtausend. Wir leben so wie unsere Eltern, fast alle Kanäle unserer jetzigen Lebens sind für eine Woche verboten:


- kein Twitter

- kein TwitterTV

- kein tumblr

- kein Flickr

- keine Blogs

- generell keine social media/network Seiten

- kein del.icio.us

- kein SKYPE

- kein YouTube

- kein last.fm

- kein SPON

- generell keine Internet-Medienportale

- keine RSS-Feeds

- eigentlich ist überhaupt keine private Internet-Nutzung erwünscht (beruflich lässt es sich nicht vermeiden)

- eMails nur zu beruflichen Zwecken

- keine Handy-Photos

- an iPhone-Apps sind nur erlaubt: Mail, Kalender, iPod, SMS, Uhr


Wir sind dann mal weg...


Donnerstag, 11. Dezember 2008

Wer seid das Ihr?



Immer wieder gern genommen: mit was für Hoffnungen, Wünschen und Nöten kommen eigentlich die Besucher auf mein Blog. Ja Ihr, die Ihr nicht zu meinen sechs StammleserInnen zählt. Hier eine Auswahl von Suchanfragen die wirklich mein Herz erwärmen:
  • Klettersucht
  • warum weinen wir?
  • beschneiden sexpraktiken
  • depression verzweiflung blogspot
  • gute feen machen fehler
  • ich kann mich nicht umbringen
  • im Schlamm
  • lustige personengruppen- clips
  • melody hotel wieviel m2
  • pulp fiction zitate unbehagliches schweigen
  • scheisse, scheisse und noch einmal scheisse
  • tiereundsex
  • vanity fair wiener schnitzel rezept
  • wetzstahl
  • wir sind einsamste
  • wir warten aufs christkind download
Fühlt Euch umarmt, ich hoffe Ihr findet was Ihr sucht.

Sonntag, 30. November 2008

Damals


Ab und an erhalte ich Rückmeldungen, ob meine Aktionen nicht etwas extrem sein. Solchen Anfragen kann begneten werden mit der Antwort: da hättet Ihr mich mal früher erleben sollen. Der moderne Nerd hat dankenswerter Weise ein wunderbares Dokument meiner jugendlichen Schaffensphase aufbewahrt - immerhin 9 Jahre alt.

Warnung: zart beseitete Gemüter aufgepasst, das ist für EUCH. Alles was man hier sieht, ist echt, ungestellt und hat sich so ereignet:
Warum Bambi sterben musste

(leider nur zum Download, YouTube hat es abgelehnt)

Samstag, 15. November 2008

Wiedergefundene Lieder

Silencer berichtet eine Geschichte ganz nach meinem Geschmack: er hat ein Lied, nach dem er jahrelang gesucht hat, endlich wiedergefunden.

So eine Geschichte habe ich auch. Sie ist etwas länger, aber das Lesen lohn sich aus drei Gründen: man lernt nützliches Partywissen, erfährt was es mit der pathetischen Unterzeile dieses Blogs auf sich hat und menschzweinull macht sich zum Horst.

Alles begann mit einer AMIGA Messe in Köln, wohl so um 1988. Der "AMIGA", würde ich mal sagen, war im Vergleich zum Konkurrenzprodukt "ATARI ST" so etwas wie der MAC gegen Windows. Alles war bunter, hübscher, auf jeden Fall cooler, nicht so "vernünftig". Da enden aber auch die Gemeinsamkeiten: das Betriebssystem war in etwa so stabil wie ein ungepatchtes Windows 98.

Wie auch immer, Jährlich pilgerte man nach Köln um sich dort die neuesten Mods, Erweiterungen und Software-Knüller anzuschauen. Ich etwa habe dort den weltweit ersten digitalen 8-Spur-Audio Soundmixer erstanden (obwohl der AMIGA nur vier Spuren konnte, der ATARI eine, hihi), direkt beim Programmierer, hach damals.

Auf jeden Fall schlenderte man so durch die Halle, und plötzlich war da diese Melodie. Hörte sich an wie direkt aus Forschung und Technik entsprungen, und meine erste Vermutung war entsprechend "Jean-Michel Jarre". Eine lange Melodie war das, tief in Moll, einfaches Grundmuster aber hübsche Haken und Ösen. Eine Weltklasse-Melodie.

Ich tiegerte immer wieder um den Stand herum auf dem sie in Endlosschleife lief, aufgrund meiner damals noch stark ausgeprägten Schüchternheit unfähig einfach zu fragen was das sei. In den nächsten Tagen, Wochen, Monaten und Jahren versuchte ich herauszufinden was das war und von wem. Ich habe die Melodie bestimmt 50 Personen vorgesummt, niemand konnte (oder wollte) helfen.

Zwei Jahre später: ich sitze mit meinem Freund "Stiens" in dessen Wohnung. Stiens war für sein alter erschreckend cool, hatte als Schüler schon eine eigene Wohnung. Er zieht sich zum ersten Mal eine Blubber rein, das schockiert mich nachhaltig. Ebenso der Film den wir danach sehen: "Blade Runner" von Ridley Scott. Wahrlich kein Leichtgewicht, da werden die relevanten Themen verhandelt: woher komme ich, wohin gehe ich, wieviel Zeit bleibt mir. Dazu die ewige Frage was Menschsein ausmacht, was ist moralischer Fortschritt und so weiter und so fort. Ein durch und durch menschzweinulliger Film sozusagen.

Und kurz nach der wunderschönen Dialogzeile "aber all diese Momente werden vergehen in der Zeit wie Tränen im Regen" erklang sie dann im Abspann: DIE MELODIE.



Das ist dann schon einer dieser Tage: der beste Freund auf Drogen, Ein Film der den philosophischen Blick um zwei Jahre erweitert, und dann noch dieses tolle Lied gefunden.

Das Motiv stammt also von Vangelis, der viele Jahre später zweifelhaften Ruhm erst mit "Chariots of fire" und dann dem Maske-Song "Conquest of paradise" erlangte.
Was wenige wissen (Party!): Vangelis war Sänger in der Drogen-Kapelle "Aphrodite's Child", die einen der besten Drogen-Songs aller Zeiten aufgenommen haben: "the four horsemen" auf der Platte "666", MUSS man kennen:



Und ja, jetzt mach ich mich auch noch zum Horst: mit meinem schicken 8-Spur Rekorder habe ich eine Kirmestechno-Version des Vangelis-Motivs eingespielt, wird so 1992 gewesen sein. Daraus gibt es jetzt hier die letzten 2 Minuten, auch gar nicht soooo schlecht.

Mittwoch, 12. November 2008

Wie verhält sich nun ein vorbildlicher Mensch 2.0?

UNIWAVE hat hat versucht meinen Affront dadurch abzufedern, das er reumütig ein paar halbgare Kommentare hinterlassen hat - Wochen zu spät. Vor allem ist er aber meiner Aufforderung nicht nachgekommen meine eigenen Kommentare umgehend zu löschen - was vermutlich gegen mein informatorisches Selbstbestimmungsrecht verstößt.
Meine klassische "Mensch 1.0" Reaktion wäre entsprechend harsch.

Aber: muss das so sein?
Sie, liebe 5 BlogleserInnen (UNIWAVE darf nicht), dürfen entscheiden. Was macht ein anständiger Mensch2.0 in so einer Situation?

Stimmen Sie hier und jetzt ab über die weitere Entwicklung meiner Seele.

Sag mal, UNIWAVE,

tief, ganz tief in Deinem Herzen willst Du doch gar keine Kommentare. Da erbarme ich mich die letzten Wochen, schreibe Kommentar um Kommentar um Kommentar in Dein ansonsten tristes, leeres Blog, aber nein - der feine Herr (?) ist sich zu schade auch nur "Hallo" zu sagen.

Kommentieren ohne Rückkopplung ist in etwa so unterhaltsam wie gegen die Wand onanieren.

Daher
  1. werde ich dort keine Kommentare mehr schreiben.
  2. bitte ich ausdrücklich darum das obige Kommentare von mir gelöscht werden.
  3. fordere ich die Kommentarfunktion dann doch einfach abzuschalten. Konsequenz ist das neue IT-Gefühl.
Bestens, M2.0

Freitag, 31. Oktober 2008

Die Liste

Ich bin kein Schriftsteller, und vermutlich auch kein talentierter Blogger. Sonst hätten sich bereits mehr als sechs LeserInnen auf diese Seite verirrt. Daher bin ich nicht beleidigt, wenn jemand mit mehr Talent - und Mut - sich dieser Analyse annimmt und mehr daraus macht, was auch immer. Es wäre nur schön, namentlich erwähnt zu werden.

Ich will daher einfach nur berichten, wie es zu den bald einsetzenden Ereignissen des heutigen Abends kommen konnte. Das meiste davon ist bekannt, vielleicht von mir nur anders arrangiert und hier und da bewertet. Ich glaube das die morgige Welt eine andere sein wird, und ein einziges Mal nur will ich der erste sein der es vorhergesagt hat.

Meiner Meinung nach wurde der Grundstein vor zwei Jahren gelegt, mit der Einführung der „Realme.ID“. Was andere Dienstleister zwar versucht, aber nie wirklich umsetzen konnten wurde Realität: ein verlässlicher digitaler Ausweis für das Internet. Auch wenn sich die Datenschützer mokierten, die Vorteile dieses digitalen Telefonbuchs lagen auf der Hand: endlich konnte man Personen verlässlich finden, im echten Leben wurzelnde Dienste aufsetzen. Auch wenn jeder von uns noch Anonyme Accounts pflegt: keine Buch-, Musik-, Filmbestellung mehr ohne Realme.ID, und eigentlich freuen wir uns darüber das alles so einfach geworden ist.

Für die Partnersuche-Portale war das problematisch, wollte sich doch jeder die Hintertür des „er wird mich im echten Leben nicht finden“ offen halten. Nur ein Portal hatte die richtige Idee: matchr.com. Als das Portal vor 18 Monaten online ging, war das einer der Momente wo ich einmal mehr dachte: „Warum nur. Warum hatte ich nicht diese simple Idee.“ Da viele erst nach dem „History“ Update registriert waren, hier noch mal das Konzept der frühen Tage:

Man registrierte sich mit seiner Realme.ID und hinterlegte im System die Realme.IDs der Menschen, mit denen man anbändeln wollte. Die drei wählbare Kategorien sind bis heute unverändert geblieben: „würde ich gern mal wieder sehen“, „könnte ich mir eine Beziehung mit vorstellen“ und natürlich die legendäre „unproblematischer Sex wäre toll“ Rubrik. Auch das „match“ Prinzip ist unverändert geblieben: nur wenn beide Menschen den jeweils anderen in derselben Kategorie im System hinterlegt haben, werden beide informiert und - nun ja - dann passiert eben was passiert. Wenn nur einer den anderen hinterlegt, erfährt der andere dies nie, dem Hinterlegenden kann nichts passieren.

Der durchschlagende Erfolg ist bekannt: 5 Mio. registrierte Nutzer binnen drei Wochen, vor allem in den großen Städten. Auch der neun Monate später folgende „MatchBabyBoom“ ist gut dokumentiert, ebenso das etwas skurril anmutende Ansteigen kirchlicher Trauungen: offensichtlich wurde versucht dem Mangel an Romantik bei der Verkupplung mit prunkvoller Kirchenstimmung entgegenzuwirken.

Praktisch über Nacht wurde scheinbar ein ewiges Menschheitsproblem gelöst: ohne besonderen Mut oder originelle Balz-Aktionen konnte man seine Partner finden, offen und ehrlich auf der Basis von beiderseitigem Einverständnis. Der Flirtalltag wird seitdem für die meisten Menschen nur noch dadurch bestimmt, wie schnell man nach einem Date die RealMe.ID des anderen hinterlegt - oder eben nicht. Bei Jugendlichen nimmt das ja mittlerweile extreme Züge an - dank mobilem Internet schnell in der Kneipe aufs Klo und nachsehen, ob die Angebetete bei Ihrem letzten Klogang schon etwas hinterlegt hat. „SpeedMatch“ nennt man das wohl, wenn nichts hinterlegt ist muss man auch aber nicht in Depression verfallen: vielleicht gehört sie ja zu den „Growern“ die sich ein paar Tage Zeit lassen. Und wenn nicht: was solls, sie wird ja nie erfahren das ich sie hinterlegt habe.

Als vor einem Jahr das „History“ Update kam, wurde die Sache für die breite Masse interessant, und ich kenne in der Tat niemanden, der seitdem nicht registriert ist. Der Gedanke, auch alte Verflossene und verpasste Gelegenheiten aufspüren zu können, hat einfach zu viel Reiz. Es hat schon etwas tröstliches, mit etwas beiderseitigem Glück all die ehemals interessanten Menschen wieder finden zu können, und sei es auch nur auf eine Tasse Kaffee.

Mit dem unverfänglichen History Bereich wurde auch ein wachsendes Vertrauensproblem gelöst: das immer häufiger werdende „PartnerPinging“, bei dem zumeist Frauen ihre Partner dazu zwangen ihnen zu zeigen ob sie etwas bei matchr.com hinterlegt hatten und wen. Da jetzt alle registriert sind, hat auch jeder etwas zu verlieren, und die Eifersuchtsdramen haben sich auf das übliche Maß reduziert.

So hätten wir jetzt alle glücklich weiterleben können, wenn nicht vor einem halben Jahr David Crozny seinen Blogeintrag geschrieben hätte. Seine Analyse des Datenmodells von matchr.com ist keine Raketenforschung, und eigentlicher hätte jeder auf das Konzept der „Inversen Liste“ kommen können. Ich vermute seine Leistung bestand vor allem darin, die Schlussfolgerungen prägnant auszudrücken, in seinem berühmten letzten Satz:

„Machen Sie sich das bitte bewusst: Im „matchr.com“ System liegt vermutlich wichtigste Information Ihres Lebens hinterlegt, aber Sie können nichts tun um diese Information zu erhalten.“

Und in der Tat, das ist schon sehr bitter. Jeder nutzt das System, und füllt es nach bestem Wissen und Gewissen mit Namen in den drei Rubriken. Daraus ergibt sich natürlich für mich die „inverse Liste“: all die Menschen, die mit mir in der Vergangenheit - oder auch jetzt - etwas anfangen wollten oder wollen, die mir aber entfallen sind, oder bei denen ich kein ernsthaftes Interesse mehr habe oder hatte. Statistiker haben errechnet, das pro Mensch auf dieser Liste allein im Schnitt 30 Namen in der „Sex“ Rubrik stehen - und wir sollen es nie erfahren. Die moralischen Implikationen sind nicht ohne, und so wurde es ja zu einem beliebten Partyspiel: „würdest Du deine Liste einsehen wollen? Wenn sie jetzt hier auf dem Tisch läge?“ Alle wollen. Alle.

Die Reihe der Einbruchs- und Bestechungsversuche bei matchr.com ist bekanntlich endlos, legendär das 10 Mio. € Angebot für eine einzige inverse Liste oder der Hungerstreik. Aber wie soll man eine Firma beeinflussen, die Google binnen Monaten im Kapitalwert überholt hat.

So bleibt uns nichts übrig, als in der Tat mit der Gewissheit zu leben das diese Informationen dort liegen, wir aber nicht herankommen.
Bis heute.

Es ist jetzt 19.40 Uhr, und in etwas über einer Stunde wird „Pandora“ online gehen. Meine Kontakte zu der unter dem Namen „Kommando Cassandra“ firmierenden Crew sind nicht die engsten, aber es hat gereicht das sie mir diese Stunde Vorsprung geben. Endlich, einmal nur, werde ich der erste sein der über etwas wirklich Relevantes hier in meinem Blog berichtet hat.

Ich habe keinen Zweifel das die Muster echt sind und sie wirklich matchr.com gehackt haben. Es spricht für die Jungs, das sie nicht gleich den ganzen Datenbestand ins Internet stellen: dann wüsste in der Tat meine Frau sofort wen ich so alles angegeben habe. Man wird nur seine eigene, inverse Liste abrufen können. Die Liste all jener, die jemals verliebt in einen gewesen sind. Und natürlich - diese dritte Rubrik.

Ich werde mir meine Liste ansehen. Ich glaube aber, das ich da wenig finden werde was mich in Versuchung führen wird. Ich liebe meine Frau, und bei den meisten Namen werde ich es mir schon gedacht haben. Die Unerwarteten werden es nicht wert sein dafür etwas zu riskieren. Vermutlich.

Aber wie steht es mit Dir, werter Leser. Wirst Du Deine Liste ansehen? Was wirst Du dort finden. Wirst Du Dich geschmeichelt fühlen. Wird es Dir wie Schuppen von den Augen fallen. Wirst Du Weinen vor Verzweiflung ob der verpassten Gelegenheiten.
Wen wirst Du anrufen.
Wo wirst Du morgen aufwachen?

Und was - was wenn Deine Liste leer ist.

Samstag, 25. Oktober 2008

Bildungsbürgertum2.0

Ich liebe delicious library. Warum: weil ich ein spießiger Bildungsbürger bin. Als solcher ist mir mein Bücherregal heilig, und das soll bitteschön die ganze Welt sehen können. Mit Barcod-Scanner und 1-click-publishing zu mobileme kann sich hier jeder auf dem laufenden halten:


Nicht das es irgendwen interessieren würde. Aber allein, das man in 30 Jahren sehen kann: ok, dann und dann habe ich dieses und jenes Buch gelesen: das hat doch etwas sehr beruhigendes.

Und schick ist es auch.

Die Karawane zieht weiter








Es gibt ein sehr beständiges Motiv bei menschzweinull: erst mal neue Kommunkationsfrmen höchst verdächtig finden, um dann, wenn es viel zu spät und mit Sicherheit überhaupt nicht mehr cool ist, auf den verblassenden Trend aufzuspringen.
Warum sollte ich meine verbleibenden drei LeserInnen diesmal entäuschen.

Dienstag, 23. September 2008

Worüber wir weinen

Ich habe mich in letzter Zeit einigermaßen ernsthaft mit der Frage auseinander gesetzt, worüber wir Menschen eigentlich weinen. Exakter: medial induziertes Weinen.

Definition

Unter medial induziertem Weinen verstehe ich eine unmittelbare, affektive Reaktion auf ein beliebiges, medial vermitteltes Kunstwerk. Diese affektive Reaktion muss sich nicht zwangsläufig in Tränenfluten ausdrücken, auch der sprichwörtliche „Klos im Hals“ oder allgemein ein schweres, melancholisches Gefühl würde ich hierunter subsumieren. Es dürfen sich also auch Männer angesprochen fühlen die nicht so nah am Wasser gebaut sind wie ich.

Der Begriff „Medium“ ist weit gefasst und reicht vom Film über das Theater bis zur Fotografie.

Worüber weinen wir eher?

Zunächst fällt auf, das unterschiedliche Medien ein unterschiedlich starkes „Potential“ mitzubringen scheinen, was die Frequenz und Stärke medial induziertem Weinens betrifft. Hier der - zugegebenermaßen streng subjektive - Versuch der Bildung einer Ordinalrangfolge:

  1. Film (vermutlich aufgrund des medialen Reichtums, also die Kombination von Bild, Ton, Text, Bewegung)
  2. Literatur (vermutlich aufgrund der autonomen Rezeptionssituation und die hohe individuelle Projektionsfläche, s.u.)
  3. Musik
  4. Hörspiele
  5. Bildende Kunst
  6. Fotografie
  7. Theater

Die Plätze 4-7 sind sicher zu diskutieren. Fest steht: ich habe weder über ein Foto, noch über ein Bild und schon gar nicht Theaterstück geweint. Dennoch bieten auch diese Medienformen ein Potential für elende Gemütszustände.

Warum weinen wir?
Hier wird die Sache interessant. Warum fällt es uns vergleichsweise leicht, über den Tod des armen Wolfes in „wer mit dem Wolf tanzt“ zu weinen, während uns das Hingemetzel von Dutzenden unschuldigen Menschen in einem Horrorfilm vielleicht schockiert, jedoch nicht traurig stimmt?

Hier hilft, wie m.E. bei so ziemlich jeder anderen medienwissenschaftlichen Fragestellung, zunächst einmal ein Mittel: schonungslose Introspektion. Im Folgenden daher ein exhibitionistischer Exkurs über alles worüber der menschzweinull so weint in der Hoffnung, Muster und Gesetzmäßigkeiten freizulegen.

Tiere
Ja, auch ich habe beim Wolf geweint. Und bei Balu. Und überhaupt bei so fast allen Szenen in denen Tieren großes Unglück widerfährt, bevorzugt durch (böse) Menschen verursacht. In der Theorie des Humors gibt es die Fragestellung: können Tiere lustig sein? Antwort: ja, wenn sie vermenschlicht werden. Ich vermute das Ähnliches für Tiere gilt über die wir weinen: der Tod des Wolfes ist vor allem deshalb traurig, weile es der einzige, letzte Freund unseres Helden war. Dieses Motiv des „edlen Wilden“ in Analogie zu den Indianern bei Karl May scheint mir recht augenfällig.

Wehrlose
Dicht angegliedert an die Tiere sind die Wehrlosen. Oft durchmischen sich diese beiden Kategorien. Wehrlosen geschieht ebenfalls großes Unrecht, und sie können sich nicht wehren, weil sie alt, behindert, sonstwie beeinträchtigt sind. Ein schönes Beispiel ist hier „The Straight Story“ von David Lynch: der Film von dem Opa auf dem Rasenmäher.
Hier greift m.E. eine sehr edle menschliche Eigenschaft: Empathie. Wir wollen Wehrlosen helfen, in der weniger optimistischen Lesart aus der Hoffnung heraus das uns, sollten wir einmal wehrlos werden, auch geholfen wird.

Einsamkeit
Eine Filmszene bei der ich immer wieder und auf Knopfdruck Rotz und Wasser heule, ist die Endsequenz von „Edward mit den Scherenhänden“. Wenn Edward, nicht alternd, hoch auf dem Schloss seine Eisfiguren schnitzt, und die abgeschnittenen Eissplitter in die Stadt hinunterfliegen, um sich dort als Schneeflocken am Fenster seiner einzigen großen Liebe zu sammeln, die, mittlerweile schon um die 60, die ganze Geschichte ihrer unerfüllten Liebe erzählt, finde ich das die traurigste Umsetzung von Einsamkeit die ich mir vorstellen kann. Sind wir nicht alle ein wenig Edward - nie wirklich von der Gesellschaft und selbst den Freunde verstanden, zu guter letzt ganz allein auf diesem Felsklumpen namens Erde, der durch das ziemlich große Weltall taumelt.

Identifikatorisches Weinen
Jede(r) erlebt traurige Momente im Leben. Diese speichern wir als Erinnerungsmuster im Gehirn. Ähnlich wie bei einem deja vu oder der spontanen Erinnerung, die etwa eine Melodie oder ein Duft auslösen kann, können diese traurigen Erinnerungsmuster über Medien abgerufen werden. Passiert den Protagonisten ein ähnliches Schicksal wie uns selbst oder Freunden von uns, werden die teilweise schon verarbeiteten Trauermuster reaktiviert, man erlebt die Trauer aufs neue.

Verlustangst
Die offensichtlichste Verlustangst ist der Tod. Da wir aber das vage Gefühl haben, das es für uns selbst nach dem Tod ziemlich egal ist, projezieren wir Verlustängste lieber auf andere Personen. Wenn also jemand medial stirbt, kann dies aus zwei Gründen traurig sein: entweder die Person starb „zu früh“, nicht zum richtigen Zeitpunkt. Der falsche Zeitpunkt lässt sich hier fast rekursiv aus den anderen Abschnitten dieses Kapitels zusammenbauen: a) er starb einsam, b) hatte noch nicht seine Wünsche verwirklicht c) war wehrlos und so fort. Im Prinzip weinen wir dann über die anderen Gründe, der Tod setzt dem lediglich einen zusätzlichen, endgültigen Stempel auf. Komplizierter wird es, wenn wir über einen Tod weinen weil man uns als Rezipient allein lässt. Da hatten wir endlich eine (Kunst)Person die uns verstand, die war wie wir (gern sein wollen), und jetzt ist sie weg. Und wir - wieder allein. Hier weinen wir - wie fast immer wie sich unten zeigen wird - in erster Linie über uns.

Unerfüllte Wünsche
Jeder Mensch hat Ziele, (Tag)Träume, Hoffnungen. Das Leben setzt diesen Träumen nur allzu sichtbar Grenzen. Hieraus entsteht zwangsläufig mindestens ein Grundmaß an Frustration, in manchen Bereichen auch Depression. Dieses Potential kann medial aus zwei Richtungen aktiviert werden: zum einen indem die eigenen Träume in der medialen Version sichtbar zerschlagen werden. Hier bestätigt sich die Ahnung: mir wird es nicht anders ergehen. Gutes Beispiel ist hier das Ende von Titanic. und ich rede nicht davon wie Leonardo ertrinkt - das fand ich nie richtig traurig. Zum Heulen finde ich die allerletzte Szene, wenn die entfesselte Kamera an dem Wrack entlanggleitet, und sich vor unseren Augen alles in die für immer zertörte „heile Welt“ zurückverwandelt. Ganz, ganz schlimme Szene. Fast noch schlimmer aber die zweite Variante: die eigenen, verborgen gehaltenen Träume gehen im Medium in Erfüllung. Jetzt packt uns die nackte Verzweiflung - es GEHT doch, warum werden wir es nur nie schaffen. Bestes Beispiel hierfür sind Hochzeitsszenen. Mr. und Mrs. Right finden nach all den Wirrungen endlich zueinander - machen sich die elaboriertesten, romantischsten Liebesschwüre - warum war es bei uns immer alles so nüchtern.

Affektives Weinen
Fast alle obigen Bereiche beziehen sich auf Kunstformen, die eine Geschichte erzählen. Dies ist etwa in der Musik nur bedingt bis gar nicht der Fall. Dennoch ergreift uns das Finale von Schwanensee (vielleicht die kompositorisch perfekteste Umsetzung von „unerfüllte Wünsche“ überhaupt), und ich brauche absolut nicht auf den Text zu achten um „Shoreline“ erschütternd traurig zu finden. Musiktheoretisch gibt es wenige Anhaltspunkte: das Moll „trauriger“ als Dur klingt ist offensichtlich. Auch in der Phrasierung einer Stimme kann man problemlos Trauer und Verzweiflung verorten.
Doch sind es zumeist nicht diese Lieder, die bei uns auch nach Jahren noch Verzweiflung hervorrufen. Daher zwei ungeschützte Arbeitsthesen zum Thema Trauer und Musik:

Ankerthese: im Sinne eines psychologischen Ankers assoziieren wir traurige Stimmungen mit Musik, die wir zu dem jeweiligen Zeitpunkt gehört haben. Dies kann entweder bewusst oder unbewusst passiert sein: unbewusst bedeutet: wir waren traurig, der Song lief im Radio, wir haben ihn aufgegriffen, selbst immer wieder aufgelegt, und werden auf ewig an die traurige Stimmung erinnert. Bewusst meint: wir haben den Anker selbst ausgeworfen, aus einem Pool an „traurigen Liedern“, die wir uns gewissermaßen für solche Ernstfälle aufsparen. Es geht mir schlecht, und als masochistischen Akt lege ich das neue Album auf, wo doch hinten so ein trauriges Lied kam. Das wird jetzt passen. Das ist schon ein sehr rationaler Umgang mit Trauer, bei mir vermutlich so geschehen mit „Shoreline“ oder jüngst dem unfassbaren „The ascent of Stan“ von Ben Folds. Hier haben wir also gewissermaßen eine Umkehrung des „das ist unser Lied“ Motivs von Liebespärchen, das ja allzu oft auch eine sehr erzwungene Wahl ist (nicht so zum Glück bei meiner besten Ehefrau von allen und mir - „Waltz #2“ von Elliott Smith (auch schon tot - Selbstmord!) ist eine affektive Wahl die uns erst mal ein Paar nachmachen soll!). Wenn jemand auf der Suche ist: ich habe eine Liste von untadeligen Ankersongs, die man schön von oben nach unten abarbeiten kann.

Tropfenthese: Trauer und Verzweiflung entstehen nicht immer spontan und direkt, sondern bauen sich oft über einen längeren Zeitraum hin auf - ohne das man es bewusst wahrnimmt. Wenn dann ein medialer Schlüsselreiz einsetzt, bricht sich plötzlich alles Bahn weil der (mediale) Tropfen gefallen ist der das Fass zum Überlaufen bringt - ohne das man genau sagen könnte was eigentlich so traurig ist, das auslösende Lied vermutlich selbst auch nicht. So geschehen als ich zum ersten Mal „Frozen“ von Madonna gehört habe: ich musste mit dem Auto an den Straßenrand fahren, weil ich einem Nervenzusammenbruch nahe war. Bis heute weiss ich nicht genau was da los war, denn sooo traurig ist das Lied ja nun auch nicht.

In Anbetracht von a) und b) kann man leicht ableiten, das der „instant-cry“ Test als Humbug enttarnt werden muss. (Fast) unabhängig von der musikalischen Qualität eines Liedes können sich a) und b) entfalten. Wobei ich jedoch glaube, das manche Stücke prädestinierter sind Fässer zum Überlaufen zu bringen als andere, und das dies etwas mit dem „Geheimnis der Akkordhilfe“ zu tun hat. Dieses wird jedoch erst in einem späteren Eintrag enthüllt werden.

Heroisches Weinen
Interessanterweise weinen Menschen auch vor Glück, und noch häufiger: vor Überwältigung. Bei Filmen erwischt es mich hier oft, auch bei Musik. Bücher und andere Medien haben es da schwerer. Ein einfaches Beispiel für heroisches Weinen ist die Szene in „Die Rückkehr des Königs (HDR3), wenn die Leuchtfeuer entfacht werden: Tolle Kulisse, blödsinnige Handlung, unfassbare Musik, Tränenströme.

Tiefenpsychologisches Weinen
Menschen haben Themen und Motive die sie traurig machen, ohne das man auch nur einen Anhaltspunkt hätte warum eigentlich. Bei mir sind dies spielende Kinder, und noch schlimmer: Spielzeug. Spielzeug macht mich traurig, keine Ahnung warum. Irgendwelche Psychologen anwesend? Interessanterweise tritt dieser Effekt bei mir medial vermittelt schwächer auf als real: er wird gewissermaßen medial gedämpft.

Traurige Bilder
Kann man über ein Gemälde weinen? Über eine Fotografie? Schwierig. So sehr ich Fotografie als eigenständige Kunstform schätze: sie kann mich nicht traurig machen. Viele Bilder von Nachtwey verstören mich, machen mich aber nicht traurig. Bei gemalten Bildern gelingt das eher: viele Gemälde von Caspar David Friedrich werden als traurig empfunden. Für mich persönlich ist „christinas world“ von Andrew Wyeth das erschütterndste Bild. Es gibt nicht wenige Menschen, die dieses Bild als „idyllisch“ und „friedlich“ empfinden. Vor solchen Menschen muss man sich fernhalten, die haben keine Ahnung vom Leben. Zu den Interpretationsebenen dieses Bildes könnte man einen eigenen Eintrag aufmachen, wenn einem nicht das allwissende Internet schon alles verraten würde.

Fazit
Aus den bisherigen Ausführungen lassen sich einige interessante Rückschlüsse ziehen:
Theater ist eine inferiore Kunstform. Niemand weint dort. Im übrigen bin ich der Auffassung, das das Theater zerstört gehört.
Wenn wir medial induziert weinen, weinen wir in den allermeisten Fällen über uns selbst. Fast alle oben genannten Punkte lassen sich auf diese wenig schmeichelhafte Formel zurückführen: Selbstmitleid. Auch Empathie ist, nach gängiger Auffassung, nur egozentrisches, vorausschauendes und berechnendes Handeln.

Das ist eigentlich ganz schön traurig.

Auf jeden Fall folgert aus 2: medial induziertes Weinen ist individuell. Es gibt offenbar Themen die universeller greifen - fast jeder weint über den Wolf. Aber letztlich muss jeder die Trauer mit sich selbst ausmachen.

Um dem ein menschzweinullgerechtes Konzept entgegenzusetzen, baue ich hier etwas auf, wo jede(r) seine ganz individuelle, mediale Heulerfahrung aufschreiben kann:

Die virtuelle Klagemauer

einfach Taschentücher zücken, in die melancholischen Abgründe der Seele eintauchen und die Entdeckungen hier als Kommentar posten.

Samstag, 20. September 2008

Sozialarbeit 2.0 - Ghetto Queens

Heute ist ein guter Tag.

Die beste Partei Deutschlands hat heute in einer mittelgroßen deutschen Arbeiterstadt ein (End)Sommerfest gefeiert. Dies tat sie, ganz bewusst, im sozial schwächsten Stadtteil - nennen wir es das Ghetto.

Ich, seit vier Wochen mit einer 50mm F1.8 Portraitlinse gesegnet, hatte nun einen narzisstischen Plan: die Kunst in das Ghetto bringen. Also ein pompöses A0 Plakat gestaltet: "Das beste Portrait Ihres Lebens, nur hier und heute für 1€ auf CD".

So lief das natürlich nicht. Der € wurde schnell abgeschafft, und "Portrait" kannte keiner.

Aber: es passierte etwas anderes, ziemlich wunderbares. Ich würde es als Prozess des "Erwachens" bezeichnen. Die Hauptzielgruppe waren Mädchen zwischen 8 und 12 Jahren. Die wollten teils gar nicht, teils nur in Rudeln vor die Kamera. Dem habe ich mit meiner gewohnt instruktiven Art entgegengesetzt "Ruhe jetzt, setzen."
Wirklich berückend war die Reaktion der Mädchen auf die fertigen Bilder, von mir bewusst etwas "knalliger" entwickelt (auf die Bilder klicken um zu größeren Ansichten zu kommen):















"das - bin - ICH."

Da stand kein Fragezeichen.
Kein triumphierendes Ausrufezeichen.

Vielmehr stand da - vielleicht und vermutlich erstmals in ihrem jungen Leben - die Erfahrung, dass äußeres und inneres Selbstbild in Deckung gebracht werden können.
Die umstehenden, vorher feixenden Jungen verstummten.
Gerade sie werden mit etwas anderen Gedanken nach Hause gegangen sein.

Ich bin mir - wieder ganz narzisstisch - ziemlich sicher, das diese Bilder das Selbstbild und Selbstwertgefühl dieser Ghetto-Kids für die nächsten Jahren verändert haben. Dies werden die Bilder sein, die sie ihren ersten Freunden schenken. Und sie haben gesehen, dass hinter Illustrierten-Fotografie nur eine 80 € Linse, mittelmäßiges Talent und etwas Software stecken. Schönheit gibt es überall.

Die Frage die ich mir nun stelle: sollte man hieraus nicht eine Bewegung machen. Einigermaßen talentierte Fotografen - und davon gibt es allein auf Flickr Hunderttausende - gehen als aktive Sozialarbeiter in die Ghettos ihrer Städte, mindestens einmal im Jahr, und schenken den Jungen und Mädchen dort etwas, auf das diese - vielleicht ihr Leben lang - keinen Zugriff haben (was nicht die Tatsache verneint das es auch in Ghettos brillante Fotografen gibt - ich habe etwa auf Cuba einen 18jährigen kennengelernt dessen Talent mich erschüttert hat). Der Aufwand ist absurd gering, der Mehrwert im Vergleich zu anderen Aktionen vermutlich immens. Auch Rap begann als Selbstwert-Definition.

Natürlich müsste noch der Diskurs geführt werden, ob man nun gerade Glamour-Style als Idealbild transportieren will, siehe hierzu diverse Kommentare zu Schönheitsidealen bei Wicked Bitch.
Aber, das wurde mir heute nachhaltig klar: auf jeden Fall ist das etwas das einfach FUNKTIONIERT.

Heute ist ein guter Tag.

Mittwoch, 17. September 2008

Kennen sie "Digitales Schweigen"?

In Skype zu chatten bringt als Kommunkationsform einige sonderbare Eigenarten mit sich. Zunächst einmal - das richtige Plugin vorausgesetzt - erfährt man mehr aus dem regen Leben seines Freundeskreises als einem lieb sein kann:


Aber auch davon abgesehen gibt es ein relevanteres und faszinierendes neues Phänomen, das so in der Realität keine Entsprechung hat: Digitales Schweigen.

Man tippt also irgendeinen Text an den Kommunikationspartner - und dann passiert: nichts. Lange Zeit nichts.
Dies kann nun ganz unterschiedliche Ursachen haben, vom Bedeutsamen zum Profanen.

1) Habe ich dem Anderen auf den Schlips getreten? Ist Ironie nicht angekommen? Wurden ungeschriebene Grenzen verletzt?

2) Oder aber: chattet er gerade noch mit vier anderen (durchaus üblich), und kommt einfach nur zu nichts? Sind dann die anderen Chatpartner wichtiger als ich?

3) Oder geht er sich gerade einen Kaffee hohlen? Wenn ja: VOR oder NACHDEM er meinen Text gelesen hat?

4) Oder langweilt sich der andere schlicht, hält den Text für nicht ernsthaft beantwortungswürdig und surft statt zu antworten sonst wo rum?

Die Konsequenzen sind grundverschieden für das weitere Kommunikationsverhalten, und es gibt nur wenige Anhaltspunkte auf welcher der vier Ebenen man sich nun bewegt.

Wenn Uma Thurman in Pulp Fiction ihre Ausführungen zu dem "Unbehaglichen Schweigen" macht, ist das a) eine der besten Dialogkinopassagen der letzten Jahrzehnte und b) Sex pur. Sie definiert hier eine zumindest für mich absolut stilbildende Form der sexuell aufgeladenen Direktheit, der unbedingte Wille auch im direkten Dialog dahin zu gehen wo es weh tut.

Durch die Kontextualisierung der Szene ist ihre Kommunkationsstrategie ganz eindeutig (oder nur von ohnehin Lahmen und Fußkranken nicht zu dechiffrieren). Wie oben gezeigt, entfällt diese Eindeutigkeit im Skype-Chat.

Dies verpasst nun dem digitalen unbehaglichen Schweigen einen sehr ungemütlichen Beigeschmack, ist es doch als rhetorisches Mittel noch sinistrer einsetzbar: man lässt den anderen hängen, zappeln, um falls notwendig ein frohgelocktes "war nur ein Bier hohlen" hinterherzuschieben.

Die Menschzweinullwelt ist keine einfache.

Samstag, 28. Juni 2008

10 Dinge

Nachdem hier wild mit Stöcken um sich geworfen wird die das Schöne im Kleinen mehr oder weniger Ernst feiern, muss dem Thema dieser Seite angemessen natürlich das Große Ganze in den Mittelpunkt rücken. Daher jetzt nicht 10 Dinge, sondern 10 Konzepte oder Ideen die ich schätze und mit deren Beschäftigung sich ein rechter Menschen 2.0 befleissigen sollte:

1. Kunst
Von Amiri Baraka - der mit ziemlicher Sicherheit ein antisemitischer Idiot ist - ist das Zitat überliefert "Art is whatever makes you proud to be human." Dem kann ich mich nur anschließen: Kunst ist erst einmal völlig sinnfrei, es gibt keinen Grund warum sich die Menschheit mit so etwas beschäftigen sollte. Dennoch übt diese Zeitverschwendung auf mich eine große Faszination aus, sie eröffnet eine transzendentale Ebene - eben "proud to be human". Was ich an mir mag ist, das ich auf alle Formen der Kunst ähnlich affektiv reagiere - sei es Musik, Literatur, Film oder Computerspiel. Lediglich das Theater gehört als nachweislich inferiore Kunstform umgehend abgeschafft.

2. Geschmack
Es gibt wenige Dinge die mir so rätselhaft sind wie Geschmack. zunähst einmal scheint es die Evolution in den letzten 300 Jahren nicht bemerkt zu haben, das wir in Kontinentaleuropa nicht mehr täglich gegen den Hungertod kämpfen müssen. Dennoch schmecken immer noch alle ungesunden Sachen mit viel Fett und Zucker - in der Urzeit vielleicht sinnvollerweise - am besten. Völlig ratlos werde ich, wenn ich merke wie sich mein Geschmack ändert. Ich liebe jetzt roh Tomaten, die ich bis zu meinem 20. Lebensjahr nicht ausstehen konnte. Warum? Es macht keinen Sinn. Immerhin ist der Geschmack dafür gut, Menschen zum Kochen zu verleiten. Und das ist mal eine wirklich glücksspendende Beschäftigung.

3. Humor
Wie Kunst m.E. völlig sinnlos. Kann auch nur in Maßen antrainiert werden. Dennoch gilt die Regel: ein Mensch mit Humor kann nicht wirklich schlecht sein. Auch sehr praktisch: die vielen hübschen Schattierungen wie Ironie, Sarkasmus, Zynismus oder die nur in Deutsch verfügbare Schadenfreude. Immer noch der heilige Gral des Humors: Monty Python. Das gabs nur einmal, das kommt nie wieder.

4. Fortschritt
Gewissermaßen die Arbeitsthese dieser Seite: es muss weitergehen, Stillstand ist der Tod. Und da sind de Menschen nun mal ganz weit vorne: mit nichts, aber auch gar nichts geben sie sich zufrieden, überall muss es weitergehen - in Wissenschaft, Gesellschaft, Kunst oder Mode. Diese stete Unrast ist mir grundsympathisch. Alles kann stets noch verbessert werden, und es wird sich immer ein Mensch finden der genau dies tut. Manch einen lässt das gar melancholisch werden: das Leben ist so kurz, all die tollen Erfindungen die wir nicht mehr erleben werden...

5. Liebe
Unter Wissenschaftler gilt als ausgemacht das das Konzept der romantischen Liebe in der bürgerlichen Gesellschaft des 18. Jhd. erfunden wurde. Gute Erfindung, also Fortschritt wohin man blickt! Die Abschaffung dieses Konzeptes durch die 68er ist nachweislich gescheitert, ein Indiz dafür das wir hier doch kein konstruiertes Konzept sondern ein evolutionäres Artefakt betrachten.

6. Empathie
Die Möglichkeit, zumindest den Versuch zu unternehmen sich in andere hineinzuversetzen und deren Handlungen von innen heraus nachzuvollziehen ist sehr abwechslungsreich. Es bietet großes Gewinnpotential (etwa: der Frauenversteher) und das Risiko des Scheiterns, was dem ganzen eine angenehm spielerische Note verleiht.

7. Geschichte
Geschichte hat drei große Vorzüge: sie ist 1) frei kostenlos zugänglich, 2) enthält mehr Spektakel und interessante Details als irgendetwas anderes auf der Welt und 3) bestenfalls kann man etwas für hier und jetzt daraus lernen und geht möglicherweise in selbige ein. Pädagogische Vermittlungsprobleme (Schule) sind hier mit aller Macht zu überwinden.

8. Lernen
Ist es nicht toll, was wir uns für Tricks beibringen können? Andere Sprachen, Sportarten, Musikinstrumente, HTML, Sexpraktiken - man lernt nie aus, und es gibt kaum etwas netteres als wenn man dann feststellt "hey, das konnte ich bisher nicht, jetzt bin ich ein besserer Mensch als vorher" -> Fortschritt.

9. Hoffnung
Unabdingbar, um in einer permanent unperfekten Welt den Lebensmut nicht zu verlieren und sich stattdessen lieber damit zu beschäftigen wie man die Situation verbessern kann ->Fortschritt. Es gibt keine vernünftige Erklärung, warum es so etwas sonderbar abstrakt-emotionales wie Hoffnung überhaupt gibt.

10. Wir haben die Macht der Freien Entscheidung. Wenig bis gar nichts hat mich so nachhaltig beeinflusst wie dieses Grundkonzept von Anthony Burgess, leitet sich hieraus doch ein ganzer Zoo von Handlungsanweisungen (sic!) ab, über den aber vielleicht ein andermal geschrieben wird.

In der Summe muss man irritiert feststellen: bei fast allen Punkten oben haben wir keinen blassen schimmer warum es das gibt und warum es so toll funktioniert. Noch viel Raum für ->Fortschritt.

Sonntag, 22. Juni 2008

MenschZwoNull im Schlamm

Auch auf Festivals hat man technisch aufgerüstet viele Vorteile. Vor
allem ist man heißbegehrt als Liferant aktueller Fußball-Ergebnisse.
Da finden analoge und digitale Welt ganz natürlich zueinander!
Merke: Display des IPhone abschalten, schon hält es auch drei Tage
durch. Aufgrund des reflexiven Displays kann mann immer noch genug
sehen.

Montag, 19. Mai 2008

Mensch 2.0



Ich habe vor mehr als einem Jahr (Januar 2007) an anderer Stelle dazu aufgerufen, Apple Aktien zu kaufen – anlässlich der Vorstellung des iPhone. Heute wissen wir: jeder der damals meinem Aufruf gefolgt ist, ist heute steinreich.
Nun habe ich selbst seit einem Monat ein iPhone, und es ist in nahezu jeder Hinsicht perfekt, berauschend, phantastisch. Gut, das war zu erwarten. Nicht unbedingt zu erwarten war jedoch, wie nachhaltig sich das Alltagsleben durch dieses kleine Gerät verändert. Dies führt mich zu einigen Prognosen und Betrachtungen, die ich unter dem Buzzword „Mensch 2.0“ erörtern möchte: anhand von drei kleinen Beispielen, vom Banalen zum Bedeutsamen.

1. Das Album meines Lebens

Nein, ich rede nicht vom iPod-Bereich des iPhones, sondern vom Bildbetrachter. Wohlbemerkt: Betrachter. Das das iPhone eine 2-Megapixel Kamera hat die durchwachsen-ordentliche Bilder macht sollte bekannt sein . Was aber die Horde der stumpfen „meine Handy XY hat eine bessere Kamera“-Behaupter übersehen: es ist das erste (Mainstream) Handy, das mit einem Display aufwartet auf dem man Bilder auch anständig BETRACHTEN kann, verbunden mit einem riesigen Bildspeicher . Und dies ordentlich in Alben sortiert , absolut flüssig, in beliebiger Auflösung, Hoch- und Querformat. In der Tat macht das iPhone seinen Job als digitaler Bilderrahmen nicht schlechter als die meisten „professionellen“. Das führt dazu, das ich mittlerweile eine Auswahl meiner relevanten Bilder auf das iPhone synce: meine letzten Urlaube, gute Freunde, meine Familie.



Wann immer ich nun in geselliger Runde mit wem auch immer unterwegs bin, ich kann die Bilder „herumreichen“. Diese Funktion wird mich nun den Rest meines Lebens begleiten: ich werde wieder ein Familienalbum haben, wie damals meine Eltern. Nur das in den letzten Jahren niemand mehr Lust hatte Bilder auszudrucken und irgendwo einzukleben – mit dem Ergebnis, das man tausende Bilder auf seinem Rechner hat, die aber niemand anschauen mag. Dieser Zustand ist nun endlich vorbei – für immer. Der Speicher meines jetzigen iPhone reicht bereits für zehntausende von Bildern: das wird bis zur nächsten Generation reichen.

2. Die Vertreibung der Langeweile

Ob es einem gefällt oder nicht: unser Alltag ist immer noch geprägt von Warten. Auf den Bus, an der Kasse, der Essensmarkenausgabe, dem Flughafen. Nicht immer ist ein interessanter Gesprächspartner zugegen, und wer holt schon an der Kasse bei Aldi sein Buch heraus. Selbst für ein Lied auf dem iPod reicht es oft nicht, und ein wenig asozial wirkt dies auch. Für einen Blick in die digitale Informationswelt aber ist immer Platz: Habe ich neue eMails? Gibt es in meinen RSS-Feeds Neuigkeiten? Was machen die Blogs meiner Freunde? Was vermeldet SPIEGEL Online? Diese Informationen hat man binnen weniger Sekunden abgegrast, und auf dem iPhone gelingt das – die richtigen Bookmarks auf der Oberfläche und ein paar nützliche Tools wie Yahoo Pipes vorausgesetzt – schneller als auf meinem Laptop mit DSL-Anschluss. Mein persönlicher Alltagswert: dauert das Warten vermutlich länger als 30 Sekunden, wird das iPhone gezückt. Ist das warten zu Ende, wird es mit einer Bewegung ausgeschaltet und weggesteckt – ein Vorgang der so intuitiv funktioniert wie das Zücken und Wegstecken der Brieftasche. Man nimmt das iPhone nicht mehr als Technik war. Durch die Nutzung der unproduktiven Wartezeiten (etwa mit Abarbeiten von eMails, das geht im Stehen und sogar Laufen) gewinnt man effektiv Freizeit – die man dann ohne Technik nutzen kann. Ich werde mich nie mehr langweilen – wunderbar.

3. DU bist Deep Thought

Die SF Literatur ist reich an Supercomputern, die alles wissen und jede Frage beantworten können – zur Not mit „42“ . Seit ich das iPhone habe, bin ich zu solch einem Supercomputer mutiert. Es gibt praktisch keine Frage, keine Lebenssituation, in der ich nicht binnen ca. 60 Sekunden eine treffende Antwort finden kann. Das mobile Internet macht es möglich: Wikipedia im Direktzugriff , Google, Fachdatenbanken , Bibliothekskataloge, Karten, Reiseführer , Bahnauskunft, Nachrichtenportale - einfach alles was das Internet hergibt. Neulich am Grill: „wer saß in der Weltmeister-Startelf `74 im Endspiel auf der Ersatzbank?“ – „SCHAUN WIR MAL“. Von wem stammt der Ausspruch „Gegen Demokraten helfen nur Soldaten“? „SCHAUN WIR MAL“. Wo finden wir die nächste Pizzeria? „SCHAUN WIR MAL“. Wie wird übermorgen das Wetter auf Borkum? „SCHAUN WIR MAL“. Es gibt keine offenen Fragen mehr, keine Wette die man verliert. Diese Erkenntnis muss man einmal sacken lassen. Im Moment gehört man mit diesen Möglichkeiten zweifellos zu einer Informations-Elite, aber in zwei Jahren hat das jede® (nicht zwangsläufig auf einem iPhone aber vergleichbar). Das Weltwissen ist plötzlich mobil geworden, vollständig demokratisiert. Medienkompetenz und Finanzen vorausgesetzt haben wir alle dasselbe Wissen zur Verfügung, unabhängig davon wie motiviert unsere Lehrer in der Schule waren. Natürlich werden die Menschen dieses Wissen ganz unterschiedlich zu nutzen wissen – manche werden sich mit der `74er Frage begnügen. Aber: wir haben alle die gleichen Möglichkeiten, werden gewissermaßen zu einem einzigen Wissenkollektiv. Die Konsequenzen können wir nur erahnen. Nehmen wir etwa den aktuellen Selbstdarstellungs-Hype auf Facebook, StudiVZ etc. Fünf Jahre später: bei ihrem ersten Date verschwinden Erna und Hans nacheinander auf der Toilette, um erst einmal in Ruhe zu Googeln mit wem man es denn da zu tun hat. Rumms. Das ist schon eine andere Qualität, ich habe nicht mehr meine vier Stunden „Freilauf“ bevor der andere zu Hause Informationen über mich einhohlen kann. Das mobile Internet wird alle Bereiche unseres Lebens verändern – weit mehr als dies Handys, eMails und das Internet an sich je getan haben. Wir werden andere Menschen sein, uns anders verhalten, anders fühlen – Menschen 2.0