Dienstag, 23. September 2008

Worüber wir weinen

Ich habe mich in letzter Zeit einigermaßen ernsthaft mit der Frage auseinander gesetzt, worüber wir Menschen eigentlich weinen. Exakter: medial induziertes Weinen.

Definition

Unter medial induziertem Weinen verstehe ich eine unmittelbare, affektive Reaktion auf ein beliebiges, medial vermitteltes Kunstwerk. Diese affektive Reaktion muss sich nicht zwangsläufig in Tränenfluten ausdrücken, auch der sprichwörtliche „Klos im Hals“ oder allgemein ein schweres, melancholisches Gefühl würde ich hierunter subsumieren. Es dürfen sich also auch Männer angesprochen fühlen die nicht so nah am Wasser gebaut sind wie ich.

Der Begriff „Medium“ ist weit gefasst und reicht vom Film über das Theater bis zur Fotografie.

Worüber weinen wir eher?

Zunächst fällt auf, das unterschiedliche Medien ein unterschiedlich starkes „Potential“ mitzubringen scheinen, was die Frequenz und Stärke medial induziertem Weinens betrifft. Hier der - zugegebenermaßen streng subjektive - Versuch der Bildung einer Ordinalrangfolge:

  1. Film (vermutlich aufgrund des medialen Reichtums, also die Kombination von Bild, Ton, Text, Bewegung)
  2. Literatur (vermutlich aufgrund der autonomen Rezeptionssituation und die hohe individuelle Projektionsfläche, s.u.)
  3. Musik
  4. Hörspiele
  5. Bildende Kunst
  6. Fotografie
  7. Theater

Die Plätze 4-7 sind sicher zu diskutieren. Fest steht: ich habe weder über ein Foto, noch über ein Bild und schon gar nicht Theaterstück geweint. Dennoch bieten auch diese Medienformen ein Potential für elende Gemütszustände.

Warum weinen wir?
Hier wird die Sache interessant. Warum fällt es uns vergleichsweise leicht, über den Tod des armen Wolfes in „wer mit dem Wolf tanzt“ zu weinen, während uns das Hingemetzel von Dutzenden unschuldigen Menschen in einem Horrorfilm vielleicht schockiert, jedoch nicht traurig stimmt?

Hier hilft, wie m.E. bei so ziemlich jeder anderen medienwissenschaftlichen Fragestellung, zunächst einmal ein Mittel: schonungslose Introspektion. Im Folgenden daher ein exhibitionistischer Exkurs über alles worüber der menschzweinull so weint in der Hoffnung, Muster und Gesetzmäßigkeiten freizulegen.

Tiere
Ja, auch ich habe beim Wolf geweint. Und bei Balu. Und überhaupt bei so fast allen Szenen in denen Tieren großes Unglück widerfährt, bevorzugt durch (böse) Menschen verursacht. In der Theorie des Humors gibt es die Fragestellung: können Tiere lustig sein? Antwort: ja, wenn sie vermenschlicht werden. Ich vermute das Ähnliches für Tiere gilt über die wir weinen: der Tod des Wolfes ist vor allem deshalb traurig, weile es der einzige, letzte Freund unseres Helden war. Dieses Motiv des „edlen Wilden“ in Analogie zu den Indianern bei Karl May scheint mir recht augenfällig.

Wehrlose
Dicht angegliedert an die Tiere sind die Wehrlosen. Oft durchmischen sich diese beiden Kategorien. Wehrlosen geschieht ebenfalls großes Unrecht, und sie können sich nicht wehren, weil sie alt, behindert, sonstwie beeinträchtigt sind. Ein schönes Beispiel ist hier „The Straight Story“ von David Lynch: der Film von dem Opa auf dem Rasenmäher.
Hier greift m.E. eine sehr edle menschliche Eigenschaft: Empathie. Wir wollen Wehrlosen helfen, in der weniger optimistischen Lesart aus der Hoffnung heraus das uns, sollten wir einmal wehrlos werden, auch geholfen wird.

Einsamkeit
Eine Filmszene bei der ich immer wieder und auf Knopfdruck Rotz und Wasser heule, ist die Endsequenz von „Edward mit den Scherenhänden“. Wenn Edward, nicht alternd, hoch auf dem Schloss seine Eisfiguren schnitzt, und die abgeschnittenen Eissplitter in die Stadt hinunterfliegen, um sich dort als Schneeflocken am Fenster seiner einzigen großen Liebe zu sammeln, die, mittlerweile schon um die 60, die ganze Geschichte ihrer unerfüllten Liebe erzählt, finde ich das die traurigste Umsetzung von Einsamkeit die ich mir vorstellen kann. Sind wir nicht alle ein wenig Edward - nie wirklich von der Gesellschaft und selbst den Freunde verstanden, zu guter letzt ganz allein auf diesem Felsklumpen namens Erde, der durch das ziemlich große Weltall taumelt.

Identifikatorisches Weinen
Jede(r) erlebt traurige Momente im Leben. Diese speichern wir als Erinnerungsmuster im Gehirn. Ähnlich wie bei einem deja vu oder der spontanen Erinnerung, die etwa eine Melodie oder ein Duft auslösen kann, können diese traurigen Erinnerungsmuster über Medien abgerufen werden. Passiert den Protagonisten ein ähnliches Schicksal wie uns selbst oder Freunden von uns, werden die teilweise schon verarbeiteten Trauermuster reaktiviert, man erlebt die Trauer aufs neue.

Verlustangst
Die offensichtlichste Verlustangst ist der Tod. Da wir aber das vage Gefühl haben, das es für uns selbst nach dem Tod ziemlich egal ist, projezieren wir Verlustängste lieber auf andere Personen. Wenn also jemand medial stirbt, kann dies aus zwei Gründen traurig sein: entweder die Person starb „zu früh“, nicht zum richtigen Zeitpunkt. Der falsche Zeitpunkt lässt sich hier fast rekursiv aus den anderen Abschnitten dieses Kapitels zusammenbauen: a) er starb einsam, b) hatte noch nicht seine Wünsche verwirklicht c) war wehrlos und so fort. Im Prinzip weinen wir dann über die anderen Gründe, der Tod setzt dem lediglich einen zusätzlichen, endgültigen Stempel auf. Komplizierter wird es, wenn wir über einen Tod weinen weil man uns als Rezipient allein lässt. Da hatten wir endlich eine (Kunst)Person die uns verstand, die war wie wir (gern sein wollen), und jetzt ist sie weg. Und wir - wieder allein. Hier weinen wir - wie fast immer wie sich unten zeigen wird - in erster Linie über uns.

Unerfüllte Wünsche
Jeder Mensch hat Ziele, (Tag)Träume, Hoffnungen. Das Leben setzt diesen Träumen nur allzu sichtbar Grenzen. Hieraus entsteht zwangsläufig mindestens ein Grundmaß an Frustration, in manchen Bereichen auch Depression. Dieses Potential kann medial aus zwei Richtungen aktiviert werden: zum einen indem die eigenen Träume in der medialen Version sichtbar zerschlagen werden. Hier bestätigt sich die Ahnung: mir wird es nicht anders ergehen. Gutes Beispiel ist hier das Ende von Titanic. und ich rede nicht davon wie Leonardo ertrinkt - das fand ich nie richtig traurig. Zum Heulen finde ich die allerletzte Szene, wenn die entfesselte Kamera an dem Wrack entlanggleitet, und sich vor unseren Augen alles in die für immer zertörte „heile Welt“ zurückverwandelt. Ganz, ganz schlimme Szene. Fast noch schlimmer aber die zweite Variante: die eigenen, verborgen gehaltenen Träume gehen im Medium in Erfüllung. Jetzt packt uns die nackte Verzweiflung - es GEHT doch, warum werden wir es nur nie schaffen. Bestes Beispiel hierfür sind Hochzeitsszenen. Mr. und Mrs. Right finden nach all den Wirrungen endlich zueinander - machen sich die elaboriertesten, romantischsten Liebesschwüre - warum war es bei uns immer alles so nüchtern.

Affektives Weinen
Fast alle obigen Bereiche beziehen sich auf Kunstformen, die eine Geschichte erzählen. Dies ist etwa in der Musik nur bedingt bis gar nicht der Fall. Dennoch ergreift uns das Finale von Schwanensee (vielleicht die kompositorisch perfekteste Umsetzung von „unerfüllte Wünsche“ überhaupt), und ich brauche absolut nicht auf den Text zu achten um „Shoreline“ erschütternd traurig zu finden. Musiktheoretisch gibt es wenige Anhaltspunkte: das Moll „trauriger“ als Dur klingt ist offensichtlich. Auch in der Phrasierung einer Stimme kann man problemlos Trauer und Verzweiflung verorten.
Doch sind es zumeist nicht diese Lieder, die bei uns auch nach Jahren noch Verzweiflung hervorrufen. Daher zwei ungeschützte Arbeitsthesen zum Thema Trauer und Musik:

Ankerthese: im Sinne eines psychologischen Ankers assoziieren wir traurige Stimmungen mit Musik, die wir zu dem jeweiligen Zeitpunkt gehört haben. Dies kann entweder bewusst oder unbewusst passiert sein: unbewusst bedeutet: wir waren traurig, der Song lief im Radio, wir haben ihn aufgegriffen, selbst immer wieder aufgelegt, und werden auf ewig an die traurige Stimmung erinnert. Bewusst meint: wir haben den Anker selbst ausgeworfen, aus einem Pool an „traurigen Liedern“, die wir uns gewissermaßen für solche Ernstfälle aufsparen. Es geht mir schlecht, und als masochistischen Akt lege ich das neue Album auf, wo doch hinten so ein trauriges Lied kam. Das wird jetzt passen. Das ist schon ein sehr rationaler Umgang mit Trauer, bei mir vermutlich so geschehen mit „Shoreline“ oder jüngst dem unfassbaren „The ascent of Stan“ von Ben Folds. Hier haben wir also gewissermaßen eine Umkehrung des „das ist unser Lied“ Motivs von Liebespärchen, das ja allzu oft auch eine sehr erzwungene Wahl ist (nicht so zum Glück bei meiner besten Ehefrau von allen und mir - „Waltz #2“ von Elliott Smith (auch schon tot - Selbstmord!) ist eine affektive Wahl die uns erst mal ein Paar nachmachen soll!). Wenn jemand auf der Suche ist: ich habe eine Liste von untadeligen Ankersongs, die man schön von oben nach unten abarbeiten kann.

Tropfenthese: Trauer und Verzweiflung entstehen nicht immer spontan und direkt, sondern bauen sich oft über einen längeren Zeitraum hin auf - ohne das man es bewusst wahrnimmt. Wenn dann ein medialer Schlüsselreiz einsetzt, bricht sich plötzlich alles Bahn weil der (mediale) Tropfen gefallen ist der das Fass zum Überlaufen bringt - ohne das man genau sagen könnte was eigentlich so traurig ist, das auslösende Lied vermutlich selbst auch nicht. So geschehen als ich zum ersten Mal „Frozen“ von Madonna gehört habe: ich musste mit dem Auto an den Straßenrand fahren, weil ich einem Nervenzusammenbruch nahe war. Bis heute weiss ich nicht genau was da los war, denn sooo traurig ist das Lied ja nun auch nicht.

In Anbetracht von a) und b) kann man leicht ableiten, das der „instant-cry“ Test als Humbug enttarnt werden muss. (Fast) unabhängig von der musikalischen Qualität eines Liedes können sich a) und b) entfalten. Wobei ich jedoch glaube, das manche Stücke prädestinierter sind Fässer zum Überlaufen zu bringen als andere, und das dies etwas mit dem „Geheimnis der Akkordhilfe“ zu tun hat. Dieses wird jedoch erst in einem späteren Eintrag enthüllt werden.

Heroisches Weinen
Interessanterweise weinen Menschen auch vor Glück, und noch häufiger: vor Überwältigung. Bei Filmen erwischt es mich hier oft, auch bei Musik. Bücher und andere Medien haben es da schwerer. Ein einfaches Beispiel für heroisches Weinen ist die Szene in „Die Rückkehr des Königs (HDR3), wenn die Leuchtfeuer entfacht werden: Tolle Kulisse, blödsinnige Handlung, unfassbare Musik, Tränenströme.

Tiefenpsychologisches Weinen
Menschen haben Themen und Motive die sie traurig machen, ohne das man auch nur einen Anhaltspunkt hätte warum eigentlich. Bei mir sind dies spielende Kinder, und noch schlimmer: Spielzeug. Spielzeug macht mich traurig, keine Ahnung warum. Irgendwelche Psychologen anwesend? Interessanterweise tritt dieser Effekt bei mir medial vermittelt schwächer auf als real: er wird gewissermaßen medial gedämpft.

Traurige Bilder
Kann man über ein Gemälde weinen? Über eine Fotografie? Schwierig. So sehr ich Fotografie als eigenständige Kunstform schätze: sie kann mich nicht traurig machen. Viele Bilder von Nachtwey verstören mich, machen mich aber nicht traurig. Bei gemalten Bildern gelingt das eher: viele Gemälde von Caspar David Friedrich werden als traurig empfunden. Für mich persönlich ist „christinas world“ von Andrew Wyeth das erschütterndste Bild. Es gibt nicht wenige Menschen, die dieses Bild als „idyllisch“ und „friedlich“ empfinden. Vor solchen Menschen muss man sich fernhalten, die haben keine Ahnung vom Leben. Zu den Interpretationsebenen dieses Bildes könnte man einen eigenen Eintrag aufmachen, wenn einem nicht das allwissende Internet schon alles verraten würde.

Fazit
Aus den bisherigen Ausführungen lassen sich einige interessante Rückschlüsse ziehen:
Theater ist eine inferiore Kunstform. Niemand weint dort. Im übrigen bin ich der Auffassung, das das Theater zerstört gehört.
Wenn wir medial induziert weinen, weinen wir in den allermeisten Fällen über uns selbst. Fast alle oben genannten Punkte lassen sich auf diese wenig schmeichelhafte Formel zurückführen: Selbstmitleid. Auch Empathie ist, nach gängiger Auffassung, nur egozentrisches, vorausschauendes und berechnendes Handeln.

Das ist eigentlich ganz schön traurig.

Auf jeden Fall folgert aus 2: medial induziertes Weinen ist individuell. Es gibt offenbar Themen die universeller greifen - fast jeder weint über den Wolf. Aber letztlich muss jeder die Trauer mit sich selbst ausmachen.

Um dem ein menschzweinullgerechtes Konzept entgegenzusetzen, baue ich hier etwas auf, wo jede(r) seine ganz individuelle, mediale Heulerfahrung aufschreiben kann:

Die virtuelle Klagemauer

einfach Taschentücher zücken, in die melancholischen Abgründe der Seele eintauchen und die Entdeckungen hier als Kommentar posten.

Kommentare:

  1. Meine medialen Heulerfahrungen werden eigentlich immer von Filmen getriggert. Bei "Rückkehr des Königs" blubberte ich den ganzen Film vor mich hin. Weil die Hobbits getrennt sind, oder auch bei den Fackeln und was weiß ich...
    Der letzte Film wo ich richtig heulen musste, mit schniefen etc., war "Wie ein einziger Tag (The Notebook)". Bei den finalen Szenen mit dem alten Paar.
    Sowieso, Kinder, sterbende Tiere (der Hund bei "I am Legend"!!), und unerfüllte Liebe bringen mich oft zum Weinen.
    *schnief*
    Schöne Abhandlung hast du da geschrieben!

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  2. Hey kalesco, vielen Dank für die Rückmeldung! Schön zu wissen das in der heutigen Blog-Spaß-Gesellschaft doch noch jemand ab und an eine Träne verdrückt :-)
    i am Legend hat mich leider ziemlich kalt gelassen - gerade das letzte Drittel war doch etwas unbefriedigend und auch der Hund kam bei mir nicht an...

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  3. Ich weine immer ganz bitterlich, wenn Forrest an Jennys Grab steht. Etwas Tragischeres gibt es für mich kaum. Und sehr tränentreibend wirkt der Song "Mysteries" von Beth Gibbons & Rustin Man. O Gott, rette diese traurige Welt!

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  4. Ja Forrest ist sehr, sehr traurig. Ich denke in diesem speziellen Fall weinen wir über unsere eigene verlorene Unschuld. Forrest ist völig schuldfrei, ganz naiv in seiner reinen Liebe. Keine Tricks, keine Strategien, keine Pläne.
    Da kann mann (frau) selbst nicht mithalten und NICHT MAL FORREST ist dauerhaftes Glück vergönnt. Wie soll es dann einem selbst gelingen. -sniff-

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